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Yoga & Embodiment

Der folgend Artikel von Dr. Mohme wurde zunächst, leicht gekürzt in der Yoga Zeitschrift „Yoga aktuell – Zeitschrift für Yoga & spirituelle Lebensweisheit“ – Ausgabe 127, veröffentlicht.

Yoga & Embodiment
– Verbindung spüren

Wenn ich über das Thema Embodiment nachdenke, spreche oder schreibe, zögere ich. Ein Gefühl von Überwältigung schleicht sich an.
Ich atme tief durch, spüre die Weite im Brustkorb – die Grenze meines Körpers, der sich ausdehnt, den Boden unter den Füßen und den Raum um mich herum.

Ich bin hier.
Ich sage mir: beginne hier. Jetzt fühlt es sich an, wie im offenen Meer zu schwimmen. Ein unendliches Gebiet in dem alles mit allem verbunden ist. Ich atme und schwimme. Ich spüre die Bewegung. Mühelos gleitet die Unterwasserwelt vorbei, trifft auf den Himmel darüber, ich bin dazwischen, spüre Wasser und Luft innen und außen. Ich fühle mich frei und verloren zugleich. Sehe das Ufer, ein Ziel.

Übung

Ich bin hier“
Komme in einen bequemen aufrechten Sitz. Schließe die Augen. Wiederhole innerlich das Mantra „Ich bin hier“.
Lasse den Klang des Mantras durch deinen ganzen Körper hallen:
Es steigt von deinem Kopf nach unten in den Brustkorb, die Arme, bis in die Fingerspitzen, in den Bauch, durch die Beine bis in die Zehenspitzen und wie ein Echo hallt es zurück zum Ausgangspunkt. In Wellen strömt der Klang durch dein inneres Meer, fließt durch all die inneren Räume, Schichten, Landschaften, umfließt all die Teilchen und Zellen. Spüre die Verbindung von allem, was hier ist, in deinem Körper, mit deinem Körper. Dein innerer Raum, im Raum um dich herum. Tauche tief ein in diese Erfahrung: vollständige Aufmerksamkeit, Präsenz: Ich bin hier.

Was ist Embodiment?

Embodiment ist das Fundament für unser Hiersein. „Ich bin hier“ ist das Mantra.
Dieses Mantra verbindet uns mit dem Sein, dem Sein im Raum, in der Zeit. Die spürbare Verbindung zum Körper, die Verbindung des Körpers zum Boden, zur Erde, die in jeder Körperhaltung und jedem Asana vorhanden ist, hilft uns, in den unermesslichen Dimensionen des Seins nicht verloren zu gehen. Sie hilft uns, Halt und Orientierung zu finden, Grenzen zu spüren. Uns selbst in Beziehung zu den anderen und dem Anderen wahrzunehmen. Getrennt und fähig zu Verbindung.


Embodiment ist fast schon ein Modewort. Es bedeutet wörtlich Verkörperung. In verschiedenen Richtungen der Psychologie, Philosophie und Neurowissenschaft wird es als Fachbegriff verwendet.
Embodiment bedeutet: der Geist kann nicht unabhängig vom Körper existieren, Körper und Geist beeinflussen sich gegenseitig. Ein einfaches Beispiel: je nach Stimmungslage verändern sich unsere Körperhaltung, Gestik und Mimik. Wenn wir traurig sind, hängen die Schultern und die Mundwinkel. Sind wir fröhlich, richten wir uns auf und die Mundwinkel gehen nach oben. Das funktioniert auch umgekehrt. Wenn wir eine entsprechende Körperhaltung einnehmen, verändert sich nach einiger Zeit die Stimmung.

Yoga und Embodiment

Im Yoga geht es darum, in den Zustand des Yoga zu kommen – die Stille im Geist (Yoga Sutra 1.2)1. Der Moment, in dem die Gedanken, die Aktivität des Geistes und jedes Tun in den Hintergrund treten und dem Sein und Bewusstsein den Raum überlassen. Die Aktivität des Geistes steht der Selbst-Erfahrung oftmals im Weg. Der Körper ist immer im Jetzt, während der Geist im Alltagsbewusstsein meistens zwischen Vergangenheit und Zukunft pendelt. Die unmittelbare Verbindung zum Körper kann eine Tür zum Jetzt und zum unmittelbaren Sein öffnen. Doch wie kommen wir in diese Verbindung?

Übung

Komme in eine stabile, aufrechte Sitzposition. Schließe die Augen. Spüre deinen Atem. Folge dem Einatem von außen nach innen. Folge dem Ausatem von innen nach außen. Nimm wahr, dass dein Atem fließt ohne dein Zutun. Folge dem Einatem in den ganzen Körper. Zoome nach innen, gehe mit dem Atem: Nase – Rachen – Luftröhre – Bronchien – Lungen – Herz – Zwerchfell – Magen – Leber – Milz – Nieren – Darm – Geschlechtsorgane – Blase – Extremitäten – Haut – Faszien – Muskeln – Knochen – gehe mit dem Atem durch all die Schichten, Gewebe, Flüssigkeiten bis in die Zellen. Alles wird mit dem Atem versorgt. Alles ist verbunden.

Sowohl der Atem als auch jeder Teil deines Körpers können eine Eintrittspforte sein um mit Dir selbst, in Verbindung zu gehen.


Warum Embodiment? – Eine praktische Perspektive

In der Entwicklung des Menschen von der Geburt bis zum Erwachsenenalter und praktisch das gesamte Leben hindurch, gehen körperliche, kognitive, geistige und psychische Entwicklung weitgehend Hand in Hand. Aus der Demenzforschung ist bekannt, dass körperliche Aktivität im höheren Lebensalter Demenz vorbeugen oder zumindest verlangsamen kann.

In der Entwicklung von kleinen Kindern lässt sich beobachten, wie wichtig das „Begreifen“ und Erfahren der Welt mit allen Sinnen ist. Wir erfahren die Welt und die Welt bekommt ihren Sinn für uns durch unseren Körper.2 Lernen ist ohne Körper nicht möglich.

Embodiment ermöglicht: Selbst-Bewusstheit, Grenzen, Selbstachtung, Regulierung der Emotionen, Mitgefühl, Kognitive Verarbeitung, Entscheidungsfindung in komplexen Situationen, mit dem Körper verbundenes Selbstvertrauen und ein besseres Gefühl der Selbstkontrolle.3
Auch die Physiologie kann diesen Zusammenhang erklären. Denn unser Gehirn empfängt mehr Signale aus dem Körper, als es dorthin sendet. Insbesondere das Nervensystem des Darms und Herzens schickt mehr Informationen an das Gehirn, als es von dort bekommt.
Im „Bauchgehirn“ des Darmes werden ebenso wie im Gehirn die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin produziert.
Der Körper „denkt“ und „fühlt“ und das Gehirn empfängt und reflektiert diese Signale. So befinden sich Gehirn und andere Bereiche des Körpers in einer ständigen Kommunikation miteinander.
Also: Unser Körper ist eine Quelle wichtiger Informationen, aus der wir viel mehr schöpfen könnten.

Wenn wir bewusst in diese Kommunikation mit dem Körper einsteigen, kann das anfangs verwirrend sein. Die Informationen werden nicht als Botschaften in Worten gesendet. Oft bahnen sich unterdrückte Emotionen und Empfindungen aus dem Unterbewusstsein ihren Weg an die Oberfläche. Auch wenn wir sie nicht genau verstehen, kann schon ihre Anerkennung und Hinwendung zu ihnen ein wichtiger Schritt sein, sie zu lösen. Dies bringt uns in die Achtsamkeit.
Wenn wir gelernt haben, auf den Körper zu hören, können wir im nächsten Schritt üben, mit dem Körper zu hören. Wie reagiert mein Körper auf das, was ich im Außen wahrnehme? Wie wende ich mich anderen Menschen zu, wenn ich mit ihnen kommuniziere? Zeige ich Mitgefühl auch durch Gesten, Mimik, Berührung? Oder halte ich meinen Körper aus der Kommunikation heraus?

Wenn wir ganz im Körper sind, sind wir zu Hause – ganz im Hier und Jetzt. Der Körper ist immer im Jetzt, während der Geist sich oft in Vergangenheit oder Zukunft bewegt.

Selbst-Verwirklichung im Sinne des Erwachens, des Potenzial-Entfaltens ist ein aktiver Prozess. Es bedeutet, dass wir uns selbst komplett online, in die Präsenz bringen.
Wir folgen dem uns angeborenen Bedürfnis, unsere Fähigkeiten zu entfalten, etwas zu vollbringen und all das zu sein, was wir sein können, nämlich: wir selbst.
Die Methode des Yoga, dorthin zu gelangen beginnt mit Svadhyaya: der Selbsterforschung, der Exploration, wer wir sind und wer wir sein könnten. Das Studium der Texte kann dafür Orientierung bieten.
In den lebendigen Ausdruck zu bringen, was wir als wesentlich erkannt haben, ist der nächste Schritt.
eine Phase des Experimentierens, Lernens und Übens – der Expression.
Im dritten Schritt folgt die Verkörperung, das Embodiment als verkörperte Erkenntnis.
Dieses sind drei Schritte: Exploration, Expression, Embodiment

Embodiment beginnt an einem Ort des Nicht-Wissens. Wissen bringt uns aus der Unmittelbarkeit von Wahrnehmung, Spüren, Fühlen und Sein heraus. Wissen ist die Illusion, dass wir die Kontrolle haben.
Es ist ein Hindernis für Flow und Lebendigkeit. Alles ändert sich in jedem Moment.
In dem Moment, in dem wir denken, wir wissen etwas, haben sich die Dinge bereits verändert. Wenn wir mit unserem Körper lauschen, die Aufmerksamkeit schweben lassen und den Impulsen mit intuitiver Bewusstheit folgen, werden unsere Handlungen und Entscheidungen weiser.

Inspirationen für deinen Zugang nach Innen:

  • Hautatmung: Visualisiere die Ein- und Ausatmung durch die Poren der Haut, verbinde innen und außen
  • Füße verwurzeln: Stelle dich mit beiden Füßen fest auf den Boden. Spüre, dass die Erde dich trägt, spüre die Kräfte, die dich anziehen und aufrichten. Verbinde dich.

Yoga ist ein Weg der Erfahrung und eine Praxis des Embodiment. Bewegung, Atmung, Reflektion, psychische und emotionale Prozesse vollziehen sich in dichter und wahrnehmbarer Verbindung. Körper und Geist bedingen sich gegenseitig, bis alles in der Erfahrung der Einheit aufgeht.


Yoga bedeutet nicht, sich von der Welt abzuwenden. Es bedeutet, sich der Welt und dem Körper aus einer anderen Perspektive und inneren Haltung zuzuwenden, Herausforderungen anzunehmen – mit Akzeptanz, Mitgefühl, Gleichmut und Selbst-Bewusstheit.

Yoga ist ein Weg der Erfahrung – mache Deine eigenen Erfahrungen, traue deiner eigenen Wahrnehmung und deinem Körper!

1 „Yogas citta-vritti-nirodhah.”

2 S.a. Sheets-Johnstone, Maxine: The corporeal turn

3 Nach Herbert & Pollato 2012; Craig 2002, 2003; Tajadura-Jimenez & Tsakiris 2014; Häfner 2015; Duschek, Werner, Reyes del Paso & Schandry 2015)